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Ein Pantheon neuer und altersloser Musik

Das Schallplattenlabel WERGO feiert seinen 40. Geburtstag (2002)

Von Lutz Lesle

Eine Langspielplatte mit den dreimal sieben Melodramen "Pierrot lunaire" von Arnold Schönberg, eingebunden in eine Art Werkmonographie: eine Pioniertat Anfang der sechziger Jahre. Nicht nur Bibliothekare sprachen angesichts der "studio-reihe neuer musik", die der Schallplattenverlag WERGO – zu jener Zeit in Köln ansässig – seit 1962 bei der Firma Vox-Imago pressen ließ, von einer neuartigen "Medieneinheit".

Der kunstbegeisterte Baden-Badener Unternehmer Werner Goldschmidt hatte den nötigen Wagemut bewiesen. Er war einer Idee des Kölner Musikwissenschaftlers Helmut Kirchmeyer gefolgt, die jeden "normalen" Kaufmann verschreckt hätte: eine wissenschaftlich kommentierte Schallplattenreihe aufzulegen, die sich ausschließlich der Tonkunst des 20. Jahrhunderts annahm, um die das bürgerliche Musikleben damals einen großen Bogen machte.

Von Werner Goldschmidt herausgegeben und mit seinem Namenskürzel WERGO etikettiert, traf die neue "studio-reihe" die Interessenlage einer intellektuellen Minderheit, die dem Musikdenken Schönbergs und seiner Schüler und der unlängst ebenso verfemten Tonkunst Bartóks, Hindemiths und Strawinskys näher kommen wollte, um die jüngsten Klangideen eines Boulez, Nono oder Stockhausen besser zu verstehen. Solchen Hörern blieb damals nichts anderes übrig, als die Nachtprogramme der Rundfunksender abzuhorchen.

Geistiges Startkapital des Labels waren Schönbergs "Erwartung" und "Pierrot lunaire": sprechgesungen und singgesprochen von Helga Pilarczyk, der damals konkurrenzlosen Berg- und Schönberg-Interpretin. Sprechplatten mit Tonbeispielen, auf denen Hans Heinz Stuckenschmidt, Wortführer des musikalisch Neuen seit den zwanziger Jahren, in die Klangwelt der Avantgarde einführte, erhöhten den Bildungswert der Reihe. Preisgekrönter Bestseller wurden Karlheinz Stockhausens Kontakte in einer WDR-Aufnahme von 1960, die noch heute im Programm ist. Parallel zu Neutönern der ersten und zweiten Generation porträtierte WERGO auch Interpreten der Avantgarde, darunter die Brüder Kontarsky, die Stuttgarter Schola Cantorum (Clytus Gottwald) und die amerikanische Gesangsvirtuosin Cathy Berberian.

Gleichwohl waren die wirtschaftlichen Interessen des Verlegers und der wissenschaftliche Ehrgeiz seines Editionsleiters auf Dauer unvereinbar. Die öffentliche Einsamkeit der Neuen Musik hatte sich verringert. Vielerorts waren Konzertreihen und Festivals Neuer Musik entstanden. Die Schallplattenindustrie zog nach. Ohne den Rettungsanker des Verlags B. Schott’s Söhne (heute: Schott Musik International), der 1967 Teilhaber des inzwischen in Baden-Baden beheimateten Unternehmens wurde und es drei Jahre später vollständig erwarb, wäre die "studio-reihe" sang- und klanglos untergegangen.

Die Mainzer verpassten der Reihe ein neues, der amerikanischen Pop-Art abgeschautes Cover-Outfit, behielten aber die "doppelte Schiene" der "studio-reihe" bei: Schließung von Repertoirelücken im Bereich der klassischen Moderne und Dokumentation der aktuellen Klangtendenzen. Die Serie "Große Interpreten neuer Musik" wurde aufgestockt mit historischen Messiaen-, Strauss-, Schönberg- und Strawinsky-Aufnahmen des Dirigenten Hans Rosbaud. Zu den wichtigsten Errungenschaften der siebziger Jahre zählen drei Schaffensüberblicke: die bronzefarbene Cage-Edition mit bisher unveröffentlichten Stücken, eine Dokumentation von Maul- und anderen Werken Dieter Schnebels und eine György Ligeti gewidmete Porträtplatte, die den Schaffenslinien seit seiner Emigration folgt.

In dem Maße, wie die Ideologie des Fortschritts verblasste und postmoderne Toleranzen das alte Lagerdenken aufweichten, veränderte und verzweigte sich auch das Programmprofil der Mainzer Schott-Tochter. Peter Michael Hamel setzte sich mit seiner Gruppe Between zwischen die Stühle U und E – ein Ort, der viel Platz bot für bunte Vögel unterschiedlicher Herkunft: von Gunter Hampel und Manfred Schoof, die den Modern Jazz ins WERGO-Repertoire einbrachten, bis zu Liedermachern und Sprachmusikanten, die sich auf dem Label Songbird ansiedelten, während Guerino Mazzola und Meredith Monk unter dem Signet Spectrum firmierten. Nachdem Probieren über Studieren ging, ließ man den akademischen Titel "studio-reihe" fallen. Ermutigt durch den Anklang, den die Gesamtausgabe der Sinfonien Karl Amadeus Hartmanns bei Käufern und Juroren gefunden hatte, nahm WERGO eine umfassende Dokumentation der Werke György Ligetis in Angriff.

Überwältigend ist die Ernte des Jubiläumsjahrs 2002. Nach Musikarten sortiert, präsentiert sich die gesamte, rund 500 Titel zählende WERGO-Produktion nun in sechs Themenkatalogen. Der bangemachende Begriff Neue Musik wird vermieden, das Kernrepertoire nennt sich weltläufig und wertneutral "Music of Our Time". Es enthält rund 160 CD-Porträts und Einzelwerke sowie einige CD-ROMs von A wie Adorno bis Z wie Bernd Alois Zimmermann, wobei sich einige Schwerpunkte herausschälen: John Cage ist allein mit 18, Paul Hindemith sogar mit 27 Editionen vertreten. Das Schaffen György Ligetis liegt auf neun CDs nahezu komplett in mustergültigen Interpretationen vor. Das nach Genres aufgefächerte Penderecki-Porträt füllt fünf CDs. Der Katalog verzeichnet außerdem die bei WERGO erscheinende Edition zeitgenössische Musik des Deutschen Musikrats, die neu ins Haus geholte "Edition ZKM" – sie dokumentiert Hörspiele und multimediale Arbeiten, die in den Musikstudios des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie entstehen – und das Kompendium "Digital Music Digital – Music with Computers". Ergänzt wird der Hauptkatalog durch einen Midprice-Katalog "Music of Our Time – Special". Unter den hier versammelten CDs finden sich unter anderem die Gesamtausgaben der Klavierwerke Debussys und Ravels.

Eine eigene, zentrale Themengruppe bilden Tondokumente nicht europäischer Musikkulturen, zur Vermeidung des unscharfen Begriffs Weltmusik als "Music of World Cultures" bezeichnet. Die rund 80 CD-Editionen dieser Kategorie – sie umfasst sowohl traditionelle Musik aus ländlichen Regionen Afrikas, Lateinamerikas und Asiens als auch Musik der urbanen Zentren des indischen Subkontinents, Japans und Chinas – entstanden großenteils in Zusammenarbeit mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Musikabteilung des Ethnologischen Museums in Berlin.

Das Ohr der grünen Editionsserie "Natural Sound" ist das Kunstkopf-Stereomikrofon des Naturlauschers Walter Tilgner. Die Partituren seiner Hörbilder schrieb die Natur selber. Demgegenüber stammen die Klangbotschaften vom Gentle River, aus Serenidad, Rainbowland oder vom Wounded Knee, die nebst Michael Vetters Obertongesängen das orangefarbene Katalogheft "Music from Paradise" zieren, von Entspannungstherapeuten und Autoren spiritueller Geistesrichtung. Die meerblaue CD-Liste "Music of Our Lives" schließlich nimmt alles auf, was über die Ränder der vorgenannten Begriffsschalen schwappt.

Fazit: WERGO heute – ein Pantheon neuer und altersloser Musik.

WERGO seit 1962
Covergestaltung aus der WERGO-Geschichte
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