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WERGO > Kompromisslos und zukunftsorientiert
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Kompromisslos und zukunftsorientiert

40 Jahre WERGO – ein Gespräch mit Peter Hanser-Strecker

Das Label WERGO feiert in diesem Herbst [2002] seinen 40. Geburtstag. Wie kann ein Label, das, wie wenige andere, für ambitionierte Aufnahmen zeitgenössischer ernster Musik steht, so lange erfolgreich sein?

Der Erfolg von WERGO beruht auf mehreren Faktoren: Zunächst sind die besonderen Qualitätsansprüche zu nennen, die sich gleichermaßen auf inhaltliche wie technische Maßstäbe, auf den kompositorischen wie auf den interpretatorischen Stellenwert beziehen. Dann ist es sicherlich die Tatsache, dass es keine stilistischen Einengungen im Programm gibt. Das Label ist offen für alle Richtungen der Neuen Musik bis hin zur radiofonen und nicht radiofonen akustischen Klangkunst und zu allen Spielarten der ambitioniert elektronischen Musik.
Ein besonderes Augenmerk liegt stets auf den Begleittexten: hier gibt es sowohl fundierte analytische Texte als auch Werkkommentare der Komponisten selbst sowie kultursoziologische Betrachtungen. In ganz besonderer Weise macht sich WERGO außerdem um Ersteinspielungen verdient.
Die Dokumentation neuer Musik kann dabei nicht nach rein betriebswirtschaftlichen Kriterien erfolgen: WERGO legt jenseits von Rentabilitätsüberlegungen großen Wert darauf, die einmal publizierten Tonträger so lange wie möglich lieferbar zu halten. Nur so kann die Werthaltigkeit der jeweiligen Veröffentlichung angemessen kommuniziert werden. Die durch Schott Musik International gegebene wirtschaftliche Basis bot von Beginn an bis heute die Möglichkeit, diesen Kurs zu halten und auch in Zukunft kompromisslos fortzusetzen.

Gibt es so etwas wie ein Motto für WERGO?

Es könnte lauten: Neues erkennen und konsequent und adäquat präsentieren. Neue Musik hat viele, sehr viele Gesichter. WERGO stellt eine Plattform für diese Vielfalt dar.

Was heißt/was hieß für WERGO "Musik unserer Zeit"?

Zunächst einmal: Dokumentation. WERGO war das erste Label, das konsequent neue, ungehörte und unerhörte Musik auf Tonträger gebracht hat. WERGO bietet inzwischen Referenzdiskotheken zu nahezu allen Bereichen neuer Musik. Wichtig ist uns aber auch ein zweiter Aspekt: Die Förderung der neuen Musik als Ohren- und Augenöffner und die Förderung junger Künstler und Komponisten.

WERGO war zu Beginn (unter Werner Goldschmidt/Helmut Kirchmeyer) bekannt für seinen ausgeprägten musikpädagogischen Anspruch bei der Herausgabe von Einspielungen der damaligen Avantgarde, in den Siebziger und Achtziger Jahren erweiterte sich unter Ihrer Führung das Repertoire signifikant unter anderem auf Bereiche, die man jetzt Weltmusik nennt. Daneben gibt es ambitionierte Computermusik, hochwertige Naturhörbilder und Dokumentationen jüdischer Musik. Was hat sich in den letzten 40 Jahren bei WERGO programmatisch verändert? Und welche Konstanten gibt es?

Grundsätzlich nichts – außer die Amplitude. So hat sich der Blick auch geweitet über die Grenzen Europas hinaus. Zum festen Bestandteil ist die Darstellung und Dokumentation der Musik anderer Kulturen geworden. Ihr Einfluss auf die europäische Avantgarde, ihr Beitrag, den sie zweifellos zur Weitung unseres Musikbewusstseins,unserer Musikerfahrung geleistet hat und noch immer leistet, war der Beweggrund für ihre Aufnahme in einen Katalog neuer Musik. Die Zusammenarbeit mit dem Haus der Kulturen der Welt und der ethnologischen Abteilung des Völkerkundemuseums Berlin waren hier Meilensteine. Dazu kamen die schon enzyklopädisch zu nennenden Darstellungsformen junger, in Deutschland lebender und arbeitender KomponistInnen in der Serie des Deutschen Musikrats, die umfassenden Dokumentationen elektronischer Musik, der akustischen Kunst und der Projekte, die im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlruhe (ZKM) entstehen.

Wofür steht WERGO heute?

WERGO steht (noch immer) für Qualität und Innovation, für Mut zum Einsatz für Nichtkommerzielles, Unabgesichertes.

• WERGO arbeitet mit öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zusammen. Was ist daran attraktiv? Gibt es neue Projekte?

Die Zusammenarbeit zwischen WERGO und den Rundfunkanstalten ist eine wichtige Konstante. Der Rundfunk war von Anfang an einer der wichtigsten Förderer der neuen Musik und ist es auch heute noch. Es entstand hier hinsichtlich der Verbreitung eine Art Symbiose zwischen rundfunk- und plattenmäßigen Faktoren. Rundfunkanstalten verfügen über die Klangkörper und Aufnahmeeinrichtungen. Solche Voraussetzungen gilt es aus wirtschaftlichen und technischen Gründen zu nutzen. Via Labels wie WERGO wird die ephemere Rundfunk-Ausstrahlung für die Nachwelt festgehalten.

Wie sehr ist WERGO ein Label des Schott-Verlags?

WERGO ist ein inhaltlich und rechtlich eigenständiges Unternehmen. WERGO ist daher auch nicht das Primärlabel, auf welchem Schott-Komponisten zusätzlich auf Tonträger vorgestellt werden. Die eigenständige, von Schott Musik International unabhängige Programmstruktur ist einer der Erfolgsfaktoren, warum sich WERGO weltweit auf dem Tonträgermarkt als ein Marktführer für neue Musik etablieren konnte.
Gleichwohl ist die Publikation von Tonträgern im Grunde die Fortsetzung verlegerischer Aufgaben mit neuen Mitteln. Eine Reihe zeitgenössischer Werke lassen sich nur noch unvollkommen anhand einer Partitur darstellen und vermitteln. Insofern ist es folgerichtig, dass Schott Musik International seine verlegerische Amplitude auch auf den Tonträgerbereich ausgedehnt hat. So können wir u. a. elektronische, Computergenerierte und improvisatorische Musik in das Verlagsprogramm einbeziehen. Ohne ein eigenes Label ist man hier in seinen Möglichkeiten beschränkt und immer wieder von Dritten abhängig.

Die derzeitige Situation auf dem CD-Markt ist alles andere als ermutigend. WERGO hat soeben neue Kataloge vorgelegt. Das sieht nach Aufbruch aus. Aufbruch wohin?

WERGO wird auch in seiner fünften Dekade seiner Vorreiterrolle gerecht werden und durch neue Großprojekte und Einbeziehung aller technischen Möglichkeiten (u. a. der DVD-Technologie) dafür sorgen, dass das Thema neue Musik eine lohnende Entdeckung, ein besonderes Erlebnis bleibt. Eines der Großprojekte, die wir derzeit planen, ist die Dokumentation von Vorlesungen bedeutender Komponisten des 20. Jahrhunderts (u. a. von Hindemith, Strawinsky, Eisler, Dessau und vielen anderen). WERGO bleibt damit auch künftig ein Synonym für neue Musik in besonderen Präsentationsformen.

Zur Person
Dr. Peter Hanser-Strecker ist Vorsitzender der Geschäftsleitung von Schott Musik International und einer der Geschäftsführer von Schott Music & Media
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