Ein auffälliges Merkmal der Musik Sebastian Stiers ist ihre geradezu mitreißende Körperhaftigkeit: Eine Kinetik, voller Wucht und Muskel, transformiert sich in federnd leichte Behändigkeit, in grazile Dehnungen und Spreizungen, oder zart gespannte Flächen, deren porenartige Vertiefungen schließlich nur noch leicht beben. Körperhafte Klänge wachsen zu Landschaften an, zerklüftete Klangbilder entstehen aus Ballungen, Vorsprüngen, Aus- und Einbrüchen, Schichtungen, elastischer und reflexartiger Energieverteilung. Vom einzelnen Instrumentalton bis zu durchorganisierten Klangkollektiven des Ensembles wachsen Tongestalten gliedhaft hervor, überwuchern, durchdringen und spalten einander und wirken doch in jedem Moment ihres Rhizom-artigen Gedeihens genau kontrolliert: Die freigesetzten harmonischen und melodischen Kräfte sind stets durch präzise Rhythmik und einen formalen Instinkt gebannt, der die belebten Klangkomplexe mit sicherer Hand fasst und leitet.
Die sechs auf dieser CD vorgestellten Werke – "Double", "Fluchtlinien", "hin her", "Zwei Lieder", "der und die", "Windflüchter II" – wurden zwischen 1994 und 2004 komponiert und bieten einen ersten Überblick über Stiers Schaffen dieser Jahre.